Nov 172011
 

in der gegenwaertigen aufregung und empoerung ueber den nationalsozialistischen untergrund, der ueber die jahre 10 menschen ermordet hat, in den allermeisten faellen nur deshalb, weil sie den moerdern undeutsch waren, meldet sich auch franz josef wagner zu wort. dessen erguesse sind in den allermeisten faellen ignorierenswert, wiewohl doch bestaendiger ausdruck desjenigen deutschen ressentiments, fuer das die bild zeitung seit jeher bekannt ist (auszer, wenn es um israel geht, muss wohlwollenderweise erwaehnt werden).

in der debatte um den rechtsterrorrismus jedoch sind seine einlassungen ausgesprochen bemerkenswert, weil sich in ihnen kristallisiert, was mit den deutschen nicht stimmt. um es vorwegzunehmen: in deutschland gibt es keinen antifaschismus (jedenfalls keinen, der der sache nach die bezeichnung verdient und nicht nur als hippes label rausposaunt wird), also keine gesellschaftlich und politisch relevante stroemung, die dem faschismus im allgemeinen, und insbesondere der besonders widerwaertigen deutschen augmentierten version nationalsozialismus, tatsaechlich soviel muehe und aerger bereitet, dass er langsam aussterben wuerde und einfach irgendwann tatsaechlich als randphaenomen irgendwelcher spinner in vergessenheit geriete, weil die deutschen – als derart fuehlendes, waehnendes und raunendes kollektiv – bis heute nicht verstanden haben, was an einem nationalen sozialismus falsch sein soll. oder gewesen sein soll, waere da blosz nicht dieser hitler gewesen, wegen dem man eingebildet heute noch frech im ausland mit der auschwitzkeule traktiert werde. und das kann man bei franz josef wagner wie in einem lehrbuch einfach ablesen.

in “post von wagner” vom 13.11. schreibt er, adressiert an “Braunes Terror-Pack”:

je mehr wir über Euch erfahren, desto mehr gefriert uns das Blut in den Adern.

quelle: http://www.bild.de/news/standards/franz-josef-wagner/post-von-wagner-braunes-terror-pack-20982594.bild.html

so kann doch wirklich nur einer reden, dem es bis zum zeitpunkt des mehr “erfahrens” angesichts der selbstbezeichnungen von offenen nationalen sozialisten, schoen warm war in den adern. jemand, der bis dahin dachte, dass der nationale sozialismus, den ja nicht nur stiefelnazis propagieren, vielleicht doch irgendeine menschenfreundliche ideologie sei, die eben nur von irgendwelchen halbwuechsigen flegeln “missbraucht” und “falsch interpretiert” werde.

und natuerlich gefriert einem das blut in den adern bei der vorstellung, dass leute ueber jahre als moerderbande unterwegs sind. das allerdings war ja bekannt bevor “wir [mehr] über Euch erf[u]hren”. erst nachdem bekannt wird, dass diese moerderbande hakenkreuze auf koefferchen gemalt hat und am 20. april im suff das horst wessel lied ge… nun ja “sungen” hat, gefrierts bei wagner. was ihn also  schockiert, ist nicht, dass diese leute menschen vernichtet haben, sondern dass sie dabei irgendwie etwas waren, wovon irgendwie diffus bekannt ist, dass das was boeses ist. das letztere ist jedoch die sogar schlicht zeitliche voraussetzung gewesen fuer etwas, was einem das blut in den adern gefrieren laesst, und muss als solches auch besprochen und behandelt werden. fuer wagner wird es aber erst im nachhinein, beim “erfahren” schlimm. und so wird das nazisein der taeter fuer wagner eine zusaetzliche frechheit, ein zusaetzlicher horror, ganz so, als habe das eine mit dem anderen nichts zu tun, sondern werde fein saeuberlich getrennt auf dem haufen “gruseliges” aufsummiert. wer solcherlei bachelorartiges “wissen” aneinandergereiht als empoerung ablaesst, hat natuerlich schonmal schlechte karten, antifaschist zu sein, und beim naechsten mal, wenn jemand vom “volk” und der “ueberfremdung” schwadroniert, klingelt bei dem auch kein gloeckchen, das ihn warnen koennte davor, dass diese kameraden ernst machen werden, wenn sie koennen, wie sie wollen.

Dass Neo-Nazis widerlich sind, darüber waren wir uns alle einig. Oft, wenn die Neo-Nazis irgendwo aufmarschierten, dachte ich: Schenke ihnen keine Aufmerksamkeit, schreib keine Zeile über sie.

“wir waren uns einig” – ist oder war das so, ja? woher kommt dann das ploetzliche entsetzen? das gefrorene blut in den adern? “oft, wenn nazis irgendwo aufmarschierten” dachte es so in wagner, aber nicht immer: mach die augen zu und wende dich angewidert ab, vielleicht geht das widerliche von alleine weg. nur – was ist das, was wagner und “uns” so anwidert? man weisz es nicht genau…

Verbanne sie ins Nichts-Sein.

aeh… keine ahnung? poesie? kreativitaet? na ja, wagner ist kein literat, moechte aber gerne einer sein. sei’s drum.

Ohren zu, wenn sie mit ihren Springer-Stiefeln trampelten. Augen zu vor ihren Glatzen.

das ist seit ungefaehr zwanzig jahren, als irgendwelche rechtsextremismus-experten, in talkshows, jugend- und elternmagazinen und volkshochschulen begannen, herumgereicht zu werden, die quintessenz der “aufklaerung gegen rechts”. “so erkennen sie, ob ihr kind nach rechts abdriftet”: kurze haare, “springerstiefel” (die ein richtiger skinhead ohnehin nicht mit einem zehn meter langen stock anpackt, weil sie keine doc martens schuhe sind), weisze schnuersenkel, gelbe schnuersenkel, bomberjacke, bla bla bla… einer der schoensten sounds auf reggae konzerten: tanzende doc martens stiefel. glatze: eine ueberaus praktische – na ja-, “frisur”, die viele der leser der bildzeitung stolz tragen – wenngleich auch nicht ganz freiwillig. das alles muss fuer wagner herhalten als herausragende merkmale von nationalsozialisten. wortgewaltig mahnt er an, was ihn dazu bringt, die augen zu zu machen beim anblick von skinheads. das laesst ihm das blut desto mehr in den adern gefrieren, “je mehr wir erfahren”. nicht etwa, dass diese leute gerne andere vernichten moechten und es, wie nun wieder unter beweis gestellt, auch tun, widert wagner an, sondern die schuhe und die frisur.

Ich dachte, unsere Gesellschaft müsste diese Irren ertragen. Eine dunkle Minderheit.

sie sind halt irre. und dunkel. nichts gesagt, aber viel unbehagen ausgeloest.

Vor einer Woche hatte ich noch keine Angst vor den Stiefeln, jetzt habe ich Angst.

wieso wagner diese woche auf einmal angst vor stiefeln hat, wo doch die morde des nationalsozialistischen untergrunds keineswegs mit stiefeln veruebt wurden, bleibt schleierhaft. alarmistisches gequatsche, dass darueber hinwegtaeuschen soll, dass wagner eben nicht opfer eines im gegenwaertig-braesigen rassisten-jargon “doener-mordes” genannten verbrechens werden wird. “ich bin auch ein armes opfer” – so brennt es wagner auf der seele. und da vergisst man auch mal nach wenigen zeilen, dass deutsche nicht die opfer, sondern deutsche die taeter sind.

Die Stiefelknechte morden, sie schießen Dir ins Gesicht.

die anrede dieser post von wagner war doch “braunes pack”? wieso jetzt “dir”? und stiefelknecht? ein stiefelknecht ist doch jemand, der beim ausziehen von stiefeln behilflich ist? ach auch egal, hat irgendwie alles mit allem zu tun und klingt so aehnlich.

Wir Bürger haben eine gemeinsame Pflicht. Wir müssen das Böse besiegen.

dieser pathetische scheiszdreck spricht fuer sich.

Wir müssen die Nazis ausrotten aus unserem Leben. Sie gehören nicht zu uns.

und hier sind wir vorgedrungen zu pudels kern, darum geht es: “sie gehoeren nicht zu uns”. identitaetsmanagement, darum geht es wagner. hauptsache, wir koennen uns distanzieren. am besten durch: “ausrotten aus unserem leben”. warum “aus unserem leben”? im gegensatz zu “aus unserem tod”? nein, diese rumpelnde floskel soll notduerftig verhuellen, was wagners groszes projekt, die “gemeinsame pflicht” von “uns buergern” ist: das ausrotten, was nicht zu “uns” gehoert.

Nicht zu unserem Cappuccino, zu unserem Coffee to go, Schaufenster-Bummeln.

das ist ueberhaupt das allerwichtigste, was es vor den nazis zu beschuetzen gilt! cappuccino (“hallo, hallo, ich bin ein totaler auslaenderfreund, weil ich sogar diesen milchkaffe trinke, den der ithaker vorne an der eisdiele macht”), coffee to go (naechste woche gibts dann von wagner wieder eine post mit einer deutschtuemelnden tirade ueber die anglisierung der schoenen deutschen sprache – da gibts doch ein gutes deutsche wort dafuer: “kaffee zum gehen”) und – achtung! – schaufensterbummeln. schaufensterbummeln. schaufensterbummeln? … wer irgendwelche doenerwirte umbringt, anstatt schaufenster zu bummeln, der muss doch ein rad abhaben. ausrotten muss man sowas. aus “unserem” leben!

Ein schönes Hemd kaufen, zum Italiener gehen.

da isser wieder, der ithaker, den wagner ganz lieb hat. “der macht so tolles tiehramisuh, der dschowannieh. manchmal essen wir auch das schdraziatella eis zum nachtisch, ein gedicht. und zum abschluss noch ein glas dschiantieh. auch an dem abend, als der nationale widerstand diesen donermann umgelegt hat. im nachhinein verdirbt mir das den ganzen schoenen abend beim dschowannieh.”

und aeh… hemd? was?

Mille grazie.

wagner ist offenkundig ein veritabler sprachgelehrter! – das soll man hier einsehen.

Das ist unser Leben. Der Nazi-Terror ist nicht unser Leben.

darauf, das von sich zu weisen, dass ein terror identisch sein koennte mit wagners leben – pardon, “unserem” leben – kann doch wirklich nur kommen, wer das ernsthaft erwaegen kann, dass jemand sein leben mit nazi-terror in eins setzen koennte. jemand, der hemden kauft, auch gerne mal nudeln ist (“exotische kueche”) und flieszend italienisch spricht, kommt doch nicht auf die entfernteste idee, dass jemand behaupten koennte, sein leben sei “nazi-terror”? was also denkt hier in wagner? wie kommt der auf so einen kehrricht?

Herzlichst,

F. J. Wagner

das wiederrum, ja, das ist wagners leben: diejenigen, die sein blut in den adern gefrieren lassen, die er in diesem brief anspricht, und denen er aber nicht viel mehr vorwerfen kann, als dass sie ihn beim hemdenkauf und schaufenster-bummel gestoert haben – die grueszt er herzlichst. nicht herzlich, sondern herzlichst. oder grueszt er etwa herzlichst “uns buerger”, von denen er sich innerlich sehnlichst wuenscht, einen tosenden applaus zu bekommen fuer seine scharfsinnige und ausnehmend kritische analyse des vernichtungspotentials des nationalsozialismus? von diesen leuten, die bisher eine gemeinsame pflicht zum ausrotten dessen, was nicht zu “uns” passt, gar nicht erahnen konnten? nein, davon hat man wirklich noch nie gehoert in deutschland, dass menschen die ausrottung von menschen, die nicht zu ihnen passen, als gemeinsame pflicht begriffen haetten. jedenfalls nicht die kaltbluetige ausrottung.

und nun, da man sehen muss, dass diese flachpfeife ja als briefe-an-die-leser-chefschreiber einer groszen deutschen tages”zeitung” zu diesem amt gekommen ist, weil er da das bedient, was bei moeglichst vielen zu mit-schlauem-gesicht-raunend-nicken fuehren soll, weil endlich mal jemand das ausspricht, was man schon immer wusste, nun muss man auch nicht mehr erklaeren, warum es in deutschland keinen antifaschismus, und schon gar keinen antinazismus geben kann, sondern kann knapp zusammenfassen: dieses pack weisz gar nicht, wogegen sie da anti sein sollten, [intlink id=”158″ type=”post” target=”_blank”]sie haben nicht den blassesten dunst, was schlecht zu finden sich halt gehoert[/intlink], aber zu dem thema haben sie unheimlich viel guelle beizutragen. obwohl, doch, ein bisschen haben sie einen dunst davon, was schlecht ist: die, die nicht dazugehoeren, weil sie beim hemdenkauf stoeren.

Post von Wagner- Braunes Terror-Pack Bild.de 20111113

Post von Wagner- Braunes Terror-Pack Bild.de 20111113