Oct 142010
 

das tuebingen wochenblatt, ein werbeschmierenblaettchen, das sich gern im lokalen suhlt, und sei es auch noch so uninteressant, macht jede woche eine “umfrage” (z. b. ueber so weltbewegende themen wie “fruehjahrsputz”). dabei sind die ergebnisse schon alleine durch die einfaeltigkeit dessen, wie die umfrage gestaltet und konstruiert ist, derart unterirdisch, dass man demographisch, politisch oder sonstwie ueberhaupt keinen nutzen aus ihr ziehen koennte, der selbst dem, der suggeriert wird (und auch schon falsch ist, aber egal), auch nur ein bisschen nahe kaeme.
allerdings gibt diese umfrage des wochenkaeseblaettchens, deren fragen und antwortmoeglichkeiten leute zusammenkloppen, die als amateure zu bezeichnen bereits unangemessene schmeichelei waere, immer wieder aufschluss darueber, was fuer eine suelze bei den leuten, die diese “zeitung” “machen” in ihren jaemmerlichen gehirnen herumwabert und daher, in einem qualitativen sinn, was im (nicht nur) schwaebischen deutschen so alles denkt.
die frage war letzte woche:

Bundespräsident Christian Wulff betonte in seiner ersten großen Rede am Tag der deutschen Einheit die Zugehörigkeit des Islam zu unserer Kultur. Wie denken Sie darüber?

quelle

ueber sinn und vor allem unsinn dessen, was wulff da verzapft hat, haben sich an anderer stelle schon genuegend leute eingelassen (z. b. ausgesprochen klar und intelligent henryk broder und reinhard mohr). die antwortmoeglichkeiten beim tuebinger kaeseblatt allerdings weisen noch darueber hinaus.

  1. Endlich. Es war Zeit, dass eine so hochrangige Person das thematisiert.
  2. Wir sollten uns so langsam für den Islam öffnen.
  3. Gemessen an der Gesamtbevölkerung darf man den Islam-Gläubigen nicht so wichtig nehmen.
  4. Der Islam hat kaum einen Beitrag zu unserer Kultur beigetragen.
  5. Nach der Rede denke ich anders darüber.

die nummer 1 ist wie gewohnt nichtssagend und da darf der ganz gemeine autoritaere charakter zumindest mal seine obrigkeitshoerigkeit beteuern. die 2 bietet alles, was das gruene studienrats-herz begehrt, oder doch ein bisschen weniger. jedenfalls kann man beim antworten sich ungeheuer radikal vorkommen, weil man mit “so langsam” eine antwort waehlen musste, die weit hinter dem zurueckbleibt, was man eigentlich moechte. leider gibt es ja keine antwort “ich finde sharia geil und wenn die minderjaehrigen maedchen bei androhung der schlimmsten qualen ein bisschen zuechtiger waeren, waers auch nicht schlecht.”
die 3 stellt “gesamtbevoelkerung” (=multitude) und “den islam-glaeubigen” (=singular) gegenueber und lockt schon allerhand antwortendes gesindel an, das zwar gerne von “dem tuerken”, “dem russen” oder wohl auch gerne mal von “dem juden” schwadroniert, aber bei einer anonymen internetumfrage “irgendwie” auch sagen moechte “ich habe nichts gegen auslaender, aber…”. gleichwohl verkennend, wie abgefuckt diese antwortmoeglichkeit auch schon ist, weil sie keine antwort auf die gestellte frage ist und – selbst wenn sie es waere – in ihrem gehalt schon luege.
die 5 ist was fuer ueberzeugt-ahnungslose fdp-waehler, die auch mal was sagen wollen.
und die 4 illustriert genau das, was just heute von alex feuerherdt in der jungle-world zurecht gegeisselt wird: “schlecht ist der, der der volksgemeinschaft nicht zugute kommt”. man sagt heute “kultur” statt “volksgemeinschaft” und man sagt “beitragen zu” oder “zugehoerigkeit” statt “mittun und unterwerfen”. aber es bleibt das gleiche: individuen und der wert des individualismus kommen nicht vor, differenz gibt es nicht als ein mit einheit in einem komplizierten zusammenspiel zu betrachtendes und auszuhandelndes, und am ende entscheidet darueber, ob jemand – nein, ob “die” -, “gute menschen” sind, ob sie denn auch brav einer halluzinierten einheit sich untergeordnet, zu ihrer glorie beigetragen und in hingebungsvoller arbeit zugehoerigkeit geschleimt haetten oder nicht. genau das, was es am “islam” zu kritisieren gibt, naemlich dass er empirisch eine gemeinschaft herbeiaberglaubt, die aber – keineswegs so harmlos, wie “glauben” klingen moege – eben mit schwert und feuer gegen diejenigen in stellung bringt, die sich ihr nicht andienen und unterwerfen wollen, genau das ist die haltung voelkischer islam-“kritiker”, einem haufen deutscher, die so deutsch sind wie eh und je, gegenueber eben jenem islam. diese antwort ist dann auch die beliebteste zumindest derer, die sich entbloeden, an diesem als “umfrage” verkleideten scheissdreck mitzutun (wahrscheinlich unter aufwendung aller ip-wechsel tricks, obgleich man nur die cookies loeschen muss, um mehrmals abzustimmen):

Tübinger Wochenblatt  Wochenumfrage 20101014

Tübinger Wochenblatt Wochenumfrage 20101014

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bleibt nur anzumerken, dass natuerlich rein sprachlich auch diese “antwort” nichts mit der “frage” zu tun hatte, und das natuerlich “einen beitrag beitragen” allerletzter stil ist. aber das ist bei diesem inhaltsrotz ja auch egal.