Dec 032009
 

also mal: als sekulaer gestimmter mensch bin ich natuerlich vollstaendig dafuer, minarette zu verbieten. ist doch ein guter anfang. natuerlich kommen als naechstes kirchtuerme dran. dauert noch ein bisschen, aber man kann ja mal anfangen bei derjenigen religion, die steten zulauf hat – ein graus fuer jeden atheisten – und in der der anteil von reaktionaeren und lebensfeindlichen mitgliedern, die auch bereit sind, das allen moeglichen anderen leuten aufzuzwingen, substantiell ist. diejenigen moslems, denen derartiges ansinnen fern liegt, wird eine einebnung von religioesen stadtbildverschandelungen sicher nichts ausmachen.

man muss das ja mal festhalten: die zurechtstutzung von religioesem einfluss (ideologisch sowieso, aber auch visuell) ist ein zutiefst aufklaererisches und fortschrittliches projekt. deshalb muss man die schweizer abstimmung ja mal als kandidatin fuer eine gute entwicklung in betracht ziehen. natuerlich, dass da richtig aus falschen gruenden gestimmt worden ist, ist bedauerlich. man moechte sich gar nicht gerne vorstellen, wie einige (wahrscheinlich viele) derjenigen, die fuer das verbot gestimmt haben, heulen, wenn es an die kirchtuerme geht. aber man muss gelegentlich aushalten, wenn sich an ein zukunftsweisendes projekt irgendwelches christlich-religioeses, rechtskonservatives oder gar voelkisch eingestelltes gelichter dranhaengt – man kann sich das nicht aussuchen. aber frueher oder spaeter wird dieses pack ganz von alleine ablassen davon und am ende kommt alles gut: religion wird endgueltig privatsache, die zuhause oder im stillen kaemmerlein geuebt wird, waehrend alle anderen, die da keine lust drauf haben, unbelaestigt davon bleiben. und selbstverstaendlich laesst dann jeder seine(n) naechste(n) in frieden und wenn es in ihm noch so draengt, ihr und ihm mit seinen vorstellungen zu bedraengen, noetigen oder gar zu terrorisieren. bis dahin muss man noch verbieten.

danke schweiz.

  9 Responses to “minarettverbot – who’s next?”

  1. Johann, ist das jetzt ernst gemeint? Ich komm bei dir manchmal nicht mehr mit.
    Falls ja, hätte ich ne ganze Menge zu erwidern. Falls nein, hab ich den Witz glaub ich nicht verstanden.

  2. johann, das ist so ernst gemeint, wie man dialektisch “ernst” sein kann. ein witz ist das nicht.
    waere ich fuer eine initiative gegen grosse kirchtuerme und lautes glockengebimmel? – ja. also warum nicht fuer eine initiative gegen minarette?
    waere die aufregung so gross, wenn es eine solche kampagne gegen kirchtuerme gaebe? nein. und das ist gut so, also sollte auch die aufregung ueber die verschissenen minarette kleiner sein.

  3. Hm. Also in dem Fall muss ich doch noch was dazu loswerden:
    Aber zuerst zur Klarstellung: Auch ich bin ein säkular gestimmter Mensch, und kann mit den gängigen Religionen nix anfangen.
    Und einerseits gebe ich dir Recht, dass es ein aufklärerisches Projekt ist, den Einfluss der Religion in der Gesellschaft zurecht zu stutzen. Aber genau so ist es ein aufklärerisches Projekt, jeden seine Religion ausüben zu lassen, wie er oder sie es mag. Und Religion ist per se eine Gemeinschaftssache, und für dieses gemeinschaftliches Ausüben braucht man Räume, und mir ist es ehrlich gesagt ziemlich schnurz, wie die aussehen. Ist doch auch ganz hübsch, so ein Minarett (genau wie manche Kirchen). So lange die keinen Lärm nach draussen machen (Glockengeläut ist daher für mich auch ne Grenzfrage), soll mir das egal sein, was die drinnen machen (abgesehen von “Hasspredigen” und Extremismus anfeuern usw., aber das ist ein anderes Thema).
    Also: Für mich ist es ur-emanzipatorisch, dass sich der Staat aus der Religion raushält (Ausnahmen s.o.) und umgekehrt die Religion aus dem Politischen (und entgegen dem SVP-Argument ist für mich ein Minarett nun wirklich kein politisches Symbol). Dieses gegenseitige sich-in-Ruhe-lassen haben wir, meine ich, auch ganz gut erreicht. Die jetzige Initiative ist daher echt schlimm rückständig. Live and let live, sage ich.
    Und ein Verbot von Kirchtürmen hätte ja wohl eine extreme Aufregung erzeugt!
    Aber das Hauptproblem an der Initiative ist ja, dass sie sich gerade nicht gegen Religiöse Gebäude allgemein richtet, sondern gegen eine bestimmte Gruppe. Frag dich mal, wie es wäre wenn es gegen Synagogen gegangen wäre!

  4. natuerlich soll jeder seine religion ausueben, aber bitte nicht in der oeffentlichkeit. ab ins schlafzimmer damit (oder wo auch immer menschen ihr privatestes verrichten). aufklaererisch ist, dass die religion einfluss verliert und anspruch auf besondere beachtung. das wird erreicht mit dem kinarettverbot und – wie gesagt – aus falschen gruenden ist das richtige rausgekommen.
    schoene hohe gebaeude ja, hohe kirchen nein.
    es ist ja eben auch nicht “der staat” der da leuten bestimmte sachen untersagt, die anderweitig auch das hochbauamt bescheiden koennte, sondern die bevoelkerung. mir ist aber dieser ganze quatsch mit der bevoelkerung eh egal. wichtig ist: rueckstaendige religion wird zurueckgedraengt.
    das verbot von kirchtuermen haette aber nicht von denjenigen so viel aufregung erzeugt, die jetzt das minarettverbot geisseln. viele linke, fortschrittliche waeren doch sehr wohl dafuer, kirchtuerm zu stutzen, oder nicht?

    und warum kann es gar nicht gegen synagogen gehen? genau, weil die keine hohen tuerme haben (auch keinen anspruch darauf, andere zu knechten) und es nicht der fall ist, dass sehr viele juden die welt unter eine mittelalterliche wertvorstellung zwingen wollen.
    das minarett ist sehr wohl ein politisches symbol, sonst wuerde ja niemand die frage stellen, ob die integrationspolitik gescheitert oder zurueckgeworfen sei, was mit der toleranz sei, dass das ein falsches zeichen an die muslime sei. es handelt sich um einen scheiss turm, der mit freier religionsausuebung nix zu tun hat. andere leute beten auch ohne hohe tuerme.

  5. Eine Volksabstimmung, die in einem Gesetz mündet, ist der Staat. Jedenfalls dieses Gesetz ist dann Teil des Staates. Staat sind allgemein alle Strukturen, die für alle bindenden Charakter haben, also auch die Regeln, die eine Gesellschaft sich selbst auferlegt. Die Schweizer haben sich somit einen Staat geschaffen, der eine bestimmte Religionsgruppe benachteiligt und einengt.
    Das mit dem Minarett als politischen Symbol muss ich klarstellen: Die SVP-Heinis und Minarettverbots-Fans haben argumentiert, das Minarett sei ein Symbol für den politischen Islam und für Machtansprüche seitens des Islams. Insofern ist es sicher in den Augen der Gegner ein politisches Symbol, aber doch nur weil sie es für die Zwecke ihrer Werbekampagne dazu machten. Und jetzt nach der Abstimmung ist es natürlich ein Politikum geworden. Aber in den Augen der Muslime ist es einfach nur ein Aspekt der traditionellen Architektur ihrer Religionsausübungsstätten.
    Und wie gesagt, Religion ist per Definition nichts, was man rein privat ausübt. Das hat immer mit Gemeinschaften zu tun, Gemeinschaften aus gleich-gläubigen, mit denen man das zusammen ausübt. Die passen nicht alle ins Schlafzimmer.
    Dass du den Muslimen unterstellst, viele von ihnen wollten die Welt unter eine mittelalterliche Weltvorstellung zwingen, kann ich nicht teilen. Jedenfalls ist die Mehrheit der Muslime in der Schweiz aus Albanien und der Türkei, und sehr gemässigt. Die tun keinem was zu Leide, und ihnen per Verfassung zu verbieten, hohe Türme zu bauen – wobei es ja auch schon einen Haufen Bauvorschriften gibt, und es ja eh schon nicht einfach hutzifutz machbar ist eine Moschee mitsamt Minarett zu bauen – das ist mittelalterlich!

  6. … und noch was:
    1893 haben die Schweizer nach einer populistischen Werbekampagne per Volksabstimmung das Schächtverbot eingeführt. Die Ähnlichkeiten zu heute sind für mich doch sehr frappierend.

  7. … und noch mal was:
    Viele derer Leute, die jetzt so fix gegen Minarette gestimmt haben, wären bestimmt ähnlich schnell dabei, wenn es gegen Synagogen ginge. Das ist tumbes Feindbild-Denken gegen alles was irgendwie anders ist, ganz wie damals.

  8. Sorry Johann, aber jetzt bin ich grad in Fahrt:
    Wie es scheint machen sich nun tatsächlich einige im rechten/konservativen/christlichen Lager daran, Einschränkungen auch für jüdische religiöse Gepflogenheiten zu fordern:
    http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Nach-dem-MinarettVerbot-Darbellay-auf-Kreuzzug/story/28122419

  9. das halte ich fuer einen kategorienfehler von herrn darbellay. friedhoefe sind ja nun wirklich alles andere als zeichen von macht und allgegenwaertigkeit. da kann man in ruhe daran vorbeispazieren und den regelrecht links oder rechts liegen lassen. friedhoefe verbieten ist scheisse. bin ich auch dagegen. aber nur weil jemand irgendeinen quatsch im zusammenhang der zurueckdraengung der religioesen verblendung aus dem oeffentlichen leben redet, wird damit diese zurueckdraengung ja noch lange nicht falsch.